Industrielle 3D-Messtechnik

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Verformungsmessung | Blechumformung | Materialeigenschaften
Materialeigenschaften 
  
Bestimmung der Verfahrensgrenzen bei der Umformung von Blechwerkstoffen - Die Grenzformänderungskurve 
ARAMIS
 
Messsysteme: ARAMIS
 
Keywords: Grenzformänderungskurve (FLC), Grenzformänderungsdiagramm (FLD), Material-Kenndaten
 
Das Grenzformänderungsschaubild

Das Grenzformänderungsschaubild (Forming Limit Diagramm, FLD) mit der Grenzformänderungskurve (Forming Limit Curve, FLC) bietet die Möglichkeit, die Verfahrensgrenzen bei der Umformung von Blechwerkstoffen zu bestimmen und dient somit der Beurteilung der Umformeigenschaften von Blechen. Anwendung findet das Grenzformänderungsdiagramm in der Methodenplanung, im Werkzeugbau und in Presswerken zur Optimierung von Umformwerkzeugen und Bauteilgeometrien. Der Abstand der an einem umgeformten Bauteil gemessenen Formänderungen zur FLC ist ein Maß der Sicherheit bei der Herstellung von Ziehteilen. Mit Hilfe der Formänderungsanalyse und dem Vergleich mit der FLC erfolgt eine sichere Beurteilung des Umformprozesses von Blechen.

Bei Problemen mit Presswerkzeugen in der Blechumformung, kann auch eine gezielte Optimierung des Umformprozesses (z.B. Platinen- und Werkzeuggeometrie, Niederhalterdruck, Schmierung, Werkstoff) basierend auf den ARGUS-Messungen durchgeführt werden (siehe auch Formänderungsanalyse zur Beurteilung von Umformprozessen).

Ein weiteres wichtiges Einsatzgebiet des FLD liegt im Bereich der numerischen Simulation von Umformprozessen. Die FLC des verwendeten Blechwerkstoffes ist ein wichtiger Materialkennwert für die Umformsimulation.

Erstellt werden die Grenzformänderungskurven üblicherweise vom Materialhersteller, nach Nakajima oder nach Marciniak. Damit kann er die Qualität des Materials anschaulich definieren und so dem Verbraucher die Wahl des richtigen Werkstoffes erleichtern.

 
Versuchsanordnung
Abb. 1: Versuchsanordnung
 
Ermittlung von Grenzformänderungskurven nach Nakajima

Ein bekanntes Verfahren, die Grenzformänderungskurve eines Blechwerkstoffes zu ermitteln, ist der Nakajima-Versuch.

Das Prinzip des Nakajima-Versuchs beruht darauf, mit einem halbkugelförmigen Stempel Blechplatinen unterschiedlicher Geometrie bis zum Versagen umzuformen (Abb. 1). Durch Variation der Probenbreite (Abb. 2) stellen sich stark unterschiedliche Tief- und Streckziehbedingungen (von der gleichmäßig biaxialen Verformung bis zur reinen Zugbelastung) auf der Blechoberfläche ein. Die charakteristischen maximal erreichbaren Formänderungen (vor dem Versagen) der verschiedenen Probenformen werden bestimmt und definieren so die Grenzformänderungskurve eines Werkstoffes. Bisher erfolgte die Aufnahme einer Grenzformänderungskurve i.a. durch das Markieren der Bleche vor der Umformung mit Kreis und Liniennetzen. Unter der Belastung des Bleches verformen sich die aufgebrachten Kreise zu Ellipsen, deren Hauptachsen die Dehnungen an der Bauteiloberfläche in Haupt- und Nebenrichtung darstellen. Nach der Umformung wurden die „verformten“ Linienmuster von Hand, mit Hilfe von Messlupen, Messmikroskopen und biegsamen Messstreifen, vermessen. Begrenzt wird das Verfahren zum einen durch die Konturschärfe des umgeformten Rasters, zum anderen durch die langwierige Auswertung, die geringe Ortsauflösung und die subjektive benutzerabhängige Messwertaufnahme.

Um den Anforderungen der Zeit gerecht zu werden, gilt es die Kennwerte von Blechwerkstoffen genau, reproduzierbar und effizient zu erfassen. Durch den Einsatz des optischen Messsystems ARAMIS wird die Probenpräparation, das Umformen und die Bestimmung der Umformkennwerte einfach und reproduzierbar, so dass heute exakte Materialkennwerte kostengünstig verfügbar sind.

Für die Probenvorbereitung wird statt des Kreis- oder Liniennetzes ein stochastisches Muster mit Hilfe eines Farbsprays aufgetragen (Abb. 3). Zudem sind Richtlinien erarbeitet (gemäß ISO 12004 Vorschlag), die eine gleichmäßige und reproduzierbare Belastung der Probe gewährleisten.

 
Verschiedene Probengeometrien, vom Vollblech bis zu stark taillierten Blechen
Abb. 2: Verschiedene Probengeometrien, vom Vollblech bis zu stark taillierten Blechen
 
unverformte und verformte Nakajima-Proben mit stochastischem MusterNebenformänderung Stempelkuppenbereich
Abb. 3: unverformte und verformte Nakajima-Proben mit stochastischem MusterAbb. 4: Nebenformänderung Stempelkuppenbereich
 
Die Erfassung eines Liniennetzes wird ersetzt durch die Zuordnung stochastischer Muster. Dadurch kann die Anzahl der Messstellen drastisch erhöht werden. Zudem werden kleine Unschärfen und Fehlstellen im Muster kompensiert, so dass eine Vielzahl zuverlässiger Messwerte erzeugt wird.

In ARAMIS wird das Referenzbild automatisch in überlappende kleine Bildausschnitte (Quadrate oder Rechtecke) geteilt und der dazu passende Bereich im Stereobild definiert. Durch optimierte Berechnungsmethoden kann der entsprechende Bereich hochgenau (Subpixel) zugeordnet werden. Durch die Zuordnung aller Bildausschnitte zum Stereobild wird mit Hilfe der Kalibrierdaten des Systems die Form des Bleches im Referenzzustand genau vermessen. Nun kann die Zuordnung der Bildausschnitte des Referenzbildes mit den Bildern der nachfolgend aufgenommenen Stereobildpaare erfolgen. Somit sind nach der automatischen Auswertung die entsprechende Form und die Verformung des Bleches in jedem Aufnahmezeitpunkt hochgenau erfasst und vermessen.

 
Messaufbau über verschiedenen Blechumformprüfmaschinen zur Erfassung der Grenzformänderungskurve Messaufbau über verschiedenen Blechumformprüfmaschinen zur Erfassung der Grenzformänderungskurve
Abb. 5: Messaufbau über verschiedenen Blechumformprüfmaschinen zur Erfassung der Grenzformänderungskurve
 
Ein typischer Aufbau über einer Blechumformprüfmaschine, zur effizienten Erfassung der Grenzformänderungskurve mit ARAMIS, ist in Bild 5 dargestellt. Mit der Erfassung von Stereobildpaaren während der Verformung kann der Fortschritt der Verformung und der Belastung erfasst und dokumentiert werden (Abb. 6).

Durch die Aufnahme und Auswertung einer großen Anzahl von Bildern, mit den entsprechenden Belastungskennwerten (Kraft und Hub) während der Umformung, kann das komplette Umformverhalten der Probe bis zum Bruch erfasst, begutachtet und als Datensatz für nachfolgende Auswertungen exportiert werden. In der animierten Darstellung in Bild 7 sind die aktuelle Form des Bleches bei jeder Bildaufnahme sowie die lokale Verformung des Bleches unter der Belastung dargestellt.

 
Messbild der linken KameraMessbild der rechten Kamera
Abb.6: Messbild der linken und der rechten Kamera: grün markiert ist der ausgewertete Bereich (sichtbarer Bereich beider Kameras)
 
Formänderung der Blechprobe mit Darstellung der aktuellen Hauptformänderung
Abb. 7: Formänderung der Blechprobe mit Darstellung der aktuellen Hauptformänderung (als Farbcodierung, Messung von ALCAN) (Animation)
 
Für die schnelle Berechnung der Punkte der Grenzformänderungskurve werden aber teilweise auch nur das Referenzbildpaar vor der Belastung und das letzte Bildpaar vor dem Bruch ausgewertet. Damit wird sichergestellt, dass hochbelastete Bereiche erfasst werden und diese Werte in die FLC-Bestimmung aufgenommen werden.

In der ARAMIS-Software werden für die Berechnungen der FLC-Daten Schnitte senkrecht zur Bruchlinie definiert. Aus diesen Schnittdaten (üblicherweise fünf Parallelschnitte) wird gemäß den aktuell gültigen Richtlinien automatisch ein FLC-Punkt mit seiner Messwertabweichung berechnet. Für kundenspezifische FLC-Berechnungen können die Schnittdaten exportiert und mit bestehenden Auswertemethoden verarbeitet werden.

 
 
Im Diagramm sind die Haupt- und Nebenformänderung über der Schnittlänge dargestellt
Abb. 8: Schnittbild mit den entsprechenden Schnittdaten. Im Diagramm sind die Haupt- und Nebenformänderung über der Schnittlänge dargestellt
 
Die Messwerte werden als 3D-Schnitt-Grafik (Abb. 8) und in einem Formänderungsdiagramm (Abb. 9) dargestellt. Durch die Berechnung einer idealen Kurvenform aus den erfassten Messwerten werden in ARAMIS aus jeder Messung die Kennwerte (theoretische Maximalwerte der Haupt- und Nebenformänderung) berechnet. Bild 9 zeigt die Messergebnisse von 8 verschiedenen Blech-Geometrien. Von jeder Geometrie wurden die Formänderungen beim Messversagen für 3 Proben mit jeweils 3 Schnitten ausgewertet und im FLD-Diagramm dargestellt.

Durch Verbinden der gemittelten Messpunkte (aus Haupt- und Nebenformänderung) aus den verschiedenen Probengeometrien kann nun das Grenzformänderungsdiagramm des aktuell geprüften Materials gezeichnet werden.

Mit ARAMIS sind Formänderungen und Dehnungen einfach und genau erfassbar. Durch den Aufbau auf eine Prüfmaschine können Grenzformänderungsdiagramme effizient und reproduzierbar erfasst werden.

Mit freundlicher Genehmigung des Lehrstuhls für Fertigungstechnologie der Universität Erlangen-Nürnberg und von Alcan Technology & Management Center, Neuhausen, Schweiz

 
FLC von einem 1 mm dicken Stahlwerkstoff
Abb. 9. Dargestellt ist die FLC von einem 1 mm dicken Stahlwerkstoff
 

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